Tholey – wo, wer, was ist THOLEY?

Die elf heute dort lebenden Mönche arbeiten vor allem in der Seelsorge. Auch betreiben sie eine Gastwirtschaft und ein Gästehaus. Im ehemaligen Schwesternwohnheim sind Flüchtlingsfamilien untergebracht, und im Schaumberger Hof der Abtei – der als saarlandweite Erfassungsstelle dient – leben ca. 60 unbegleitete jugendliche Flüchtlinge.

Tholey hat aber auch eine interessante jüdische Geschichte, die vom 18. Jahrhundert bis 1940 lebendig war. Die erste jüdische Familie hat sich 1729 angesiedelt. 1863 weihte der damalige Bezirksrabbiner von Trier eine Synagoge ein, die 1937 verkauft und später abgerissen wurde.
Seit 2018 bietet Tholey einen weiteren Grund, sich mit diesem Zwölftausend-Seelen-Örtchen zu befassen. Es sind die Fenster der heutigen Abteikirche St. Mauritius, einer querhauslosen, dreischiffigen gotischen Anlage aus der Mitte und zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Allerdings belegt eine Urkunde, dass es sich hierbei um den ersten rechteckigen Kirchenbau handelt. Der fränkische Adelige und Diakon Adalgisel Grimo hat 634 in seinem Testament seinen Besitz mitsamt der dort von ihm errichteten „loca sanctorum“ an das Bistum Verdun vermacht.

Es ist ein kleiner Ort in Saarland, unweit von Saarbrücken und mit einer beachtlichen Geschichte: Erste Spuren einer Besiedlung gehen auf die Kelten zurück. Funde belegen, dass sich später auch die Römer dort tummelten. Im Mittelalter waren weite Teile des heutigen Saarlandes der Abtei Tholey tributpflichtig. In einer Schrift aus dem Jahres 634 geht hervor, dass sich der Ortsname von „Tegolegium“, (ziegelbedecktes Gebäude), ableitet.

Zurück zu den Fenstern, dem Grund meiner Reise.
Im Zuge der notwendigen Sanierungen war die Tholeyer Abteikirche zwei Jahre lang geschlossen. Im Rahmen der Baumaßnahmen wurde auch die nach den Kriegsbeschädigungen provisorisch eingesetzte Verglasung durch eine künstlerische, farbige abgelöst. Seit dem 17. September 2020 – der Wiedereröffnung – sind die „Richterfenster“ in aller Munde und ein Anziehungspunkt für viele.

Hört man „Richterfenster“, so denkt man an die von Gerhard Richter gestalteten Kirchenfenster im Kölner Dom, wo auf einer Fensterfläche von insgesamt 106 qm 11.263 Farbquadrate in 72 Farben nach dem Zufallsprinzip angeordnet wurden. Nun gibt es weitere „Richterfenster“. Für die Abteikirche in Tholey entwarf der Künstler drei Chorfenster, auf denen er jeweils abstrakte Motive realisierte. Dieses großzügige Geschenk bezeichnet Gerhard Richter als sein letztes Großwerk.

Die Gestaltung der drei Fenster basiert auf dem Bild mit der Werksbezeichnung 724-4. Dieses Bild ist auch in seinem Buch „Patterns“ veröffentlicht. Dort beschreibt Richter die besondere Technik. Das Bild wurde demnach zuerst digital in senkrechte Streifen geteilt, der zehnte dieser Streifen mehrfach gespiegelt und aneinandergereiht. Durch diese Verfremdung entstanden symmetrische Muster, die dann auf die Maße der Chorfenster übertragen wurden. In der Hofglasmalerei Gustav van Treeck wurden mehrere Glasschichten bemalt, wodurch sie eine einzigartige Tiefenwirkung bekamen.

Durch die Berühmtheit des Künstlerkollegen Richter rücken auch die Fenster der aus Afghanistan stammenden und jetzt in München lebenden Künstlerin Mahbuba Elham Maqsoodi ins Licht. Ihre 14 Fenster sind bunt und figürlich. Sie explodieren in Blutrot und Königsblau, begleitet von einem sparsam gesetzten Sonnengelb. Im linken Seitenschiff sind Darstellungen der Tholeyer Heiligen zu sehen. Im rechten werden benediktinische Heilige gezeigt. In den Fenstern des linken Nebenchores werden die Geburt Jesu, das Pfingstereignis und die Himmelfahrt Christi, sowie die Kreuzigung Jesu thematisiert. Die Fenster im rechten Nebenchor sind dem Klosterpatron Mauritius gewidmet. Im Obergaden des Mittelschiffes werden Figuren aus dem Alten und Neuen Testament gegenübergestellt.

Maqsoodi wendet ein eigenes, innovatives Antikglas-Verfahren an. So soll bei Maqsoodi das Blei, das Konturen schafft, nicht etwa als starre Linie wahrnehmbar sein, sondern fließen – eine Herausforderung für die Glasmaler-Manufaktur.

Fazit: Die Reise hat sich gelohnt und ich kann sie jedem Kunstinteressierten sehr empfehlen.

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