Liberec – Reichenberg (I)

Seit 20 Jahren besteht ein intensiver kultureller Austausch zwischen den Partnerstädten Augsburg und Liberec, dem ehemaligen Reichenberg. Aber kennen und interessieren sich die Augsburger für die Stadt im Nordosten Tschechiens? Verbringen oder planen sie gar einen Kurzurlaub oder ausgedehnten Wochenendausflug in ihrer Partnerstadt? Mit diesem Artikel möchte ich einige animieren dies zu tun, es lohnt sich.

Zur Geschichte: 

Im 13. Jahrhundert haben sich entlang des Handelswegs von Zentralböhmen zur Ostsee deutsche Siedler niedergelassen. Den im nahen Friedland herrschenden Fürsten unterstand jahrhundertelang auch Reichenberg, das urkundlich erstmals 1352 erwähnt wird. Die wohl bedeutendsten Eigentümer der Ende des 14. Jahrhunderts gut besiedelten Gegend entstammten dem Adelsgeschlecht Biberstein. 

Foto: Jiří Jiroutek

Das damalige Reichenberg ist auch durch die Hussitenkriege in den Geschichtsbüchern vermerkt, da die Hussiten in der Umgebung ihre Stützpunkte gegen die katholischen Lausitzer hatten. Nach Kriegsende wurde die ganze Gegend befriedet und es folgte ein reger kultureller Aufbau. Schon damals bildete sich die Sprachgrenze heraus, die bis heute nahezu unverändert verläuft.

Blick zum Rathaus Foto: Jiří Jiroutek

Eine wahre Blütezeit erlebte die Stadt im 16. Jahrhundert. Das neue Herrschergeschlecht auf Friedland, „von Rädern“, legte den Grundstein zu der über Jahrhunderte sehr erfolgreichen Textilerzeugung. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden prachtvolle Villen, die auch heute noch ganze Viertel schmücken.

Villa der Familie Liebieg Foto: Jiří Jiroutek

Eine fulminante wirtschaftliche Entwicklung verdankt Reichenberg der Textilindustriefamilie Liebieg, die die Stadt zu einem der bedeutendsten Weberunternehmen Europas ausbaute. Ähnlich wie Fugger Jahrhunderte vorher in Augsburg, zeigte auch Liebieg eine soziale Einstellung. Er stellte seinen Arbeitern kostenlose Grundstücke und günstige Darlehen zur Verfügung. So entstand eine Gartenwohnsiedlung mit 150 Arbeiterhäusern.

Wohnhäuser für Liebiegs Textilarbeiter Foto: Jiří Jiroutek
Theater F. X Šaldy Foto: Jiří Jiroutek

In der Donaumonarchie und  bis 1938 auch in der Tschechoslowakei waren die Liebiegwerke das größte Unternehmen. Neben dem unternehmerischen und sozialen Aspekt erwarb sich die Familie auch große Verdienste im kulturellen Leben. Aus der breitangelegten Kunstsammlung von Heinrich Liebieg ist die heutige „Oblastní Galerie“ hervorgegangen. 

Die Weltwirtschaftskrise und die wachsende Nazi-Propaganda, sowie die sogenannte „Tschechisierung“ der vorwiegend deutschen Bevölkerung führte Anfang der 30er Jahre zu politischen Konflikten. 1938 besetzten deutsche Truppen die Stadt. Bis 1945 fielen zigtausende Bewohner des „Protektorats“ dem Naziregime zum Opfer, indem sie in Gestapo-Gefängnissen oder Vernichtungslagern zu Tode gequält oder von Standgerichten hingerichtet wurden. Die genauen Opferzahlen dieser Schreckensherrschaft sind bis heute nicht  genau bekannt. 

Nach Kriegsende (1945) wurden die meisten Deutschen – bis auf einen ausgesuchten Personenkreis von „Antifaschisten“ – ausgewiesen (abgeschoben), oder sie flüchteten vor grausamen Vergeltungs-Misshandlungen mit z. T. weniger als einem Koffer. Ihr Eigentum wurde von der tschechoslowakischen Regierung konfisziert. Die Enteignung wurde mit den sogenannten Beneš-Dekreten nachträglich gerechtfertigt, obwohl es kein „Vertreibungsdekret“ oder -gesetz gab.

Die Stadt Augsburg übernahm bereits 1955 die Patenschaft für die Heimatvertriebenen aus Reichenberg. In der Konrad-Adenauer-Allee kann man sich in der „Reichenberger Heimatstube“ über das Leben in deren ehemaliger Heimat informieren. 

Vor 20 Jahren, 2001, wurde auf dem Jeschken, dem Wahrzeichen des heutigen Liberec, die Partnerschaftsurkunde von den Oberbürgermeistern der beiden Städte unterzeichnet. Seither, besonders aber seit dem 2005 eingeführtem „Dialog“, herrscht ein reger Austausch auf allen Gebieten. In diesem Jahr wurde das 20-jährige Jubiläum in Liberec mit Gästen aus Augsburg gefeiert. 

Jeschken – Wahrzeichen der Stadt Liberec Foto: Jiří Jiroutek

Nächstes Jahr im Mai, wird es – wenn Corona es erlaubt – wieder einen Dialog, diesmal in Liberec, geben. Der kulturelle Austausch hätte eigentlich schon dieses Jahr gefeiert werden sollen, doch die Pandemie ließ es nicht zu. 

Ich darf Sie alle recht herzlich einladen: planen Sie im Mai einen Ausflug in die schöne Stadt Liberec, die eingebettet in herrlicher Natur liegt. Mehr darüber im nächsten Beitrag. 

Quellen: Wikipedia, Liberec

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